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Offizielles Organ der FMH

Lesedauer ca. 4 Min.

Schönster Beruf der Welt?

Begleitforschung

Schönster Beruf der Welt?

Im Auftrag der FMH führt das Forschungsinstitut gfs.bern seit 2011 jährlich repräsentative Befragungen bei der Ärzteschaft durch. Nun liegen die Resultate der diesjährigen Umfrage vor. Und es zeigt sich, dass der Fachkräftemangel und die zunehmende Bürokratie nicht nur die Versorgungsqualität gefährden, sondern auch dazu führen, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf an den Nagel hängen.

Kürzlich fragte mich eine Kollegin, ob ich mich nochmals für den Arztberuf entscheiden würde. Und dies nach einem langen, hektischen Tag. Einem Tag, an welchem ich gerne das Gespräch mit einer Patientin fortgesetzt hätte. Einem Tag, an welchem ich das Gefühl hatte, meine Anforderungen an mich selbst nicht erfüllen zu können. Mit diesem Gefühl stehe ich nicht alleine da. Wie eine im Auftrag der FMH erstellte repräsentative Befragung der Ärzteschaft zeigt, haben immer weniger das Gefühl, den beruflichen Anforderungen mit ihrer täglichen Arbeit gerecht zu werden. Waren es im Jahr 2011 bei den Spitalärztinnen und -ärzten der Akutsomatik noch 76 %, sind es heute nur noch 63 %.

Überbordende Bürokratie

Zufriedenheit schöpfe ich persönlich aus der interprofessionellen Teamarbeit und dem direkten Austausch mit meinen Patientinnen und Patienten. Diese Faktoren dürften auch für unseren Nachwuchs bei der Berufswahl entscheidend sein. Allerdings verbringen die Assistenzärztinnen und -ärzte deutlich mehr Zeit mit Bürokratie als mit den Patientinnen und Patienten. In der Akutsomatik müssen sie nur schon für die Dokumentationsarbeiten am Patientendossier mehr ihrer Arbeitszeit aufwenden als sie patientennah arbeiten können.  Dazu kommen Krankenkassenberichte, Klinikinformationssysteme mit schlechter Benutzerfreundlichkeit, das Ausfüllen von Formularen aller Art, Koordinationsarbeiten, das Beschaffen alter Berichte …

Zwar schätzen in unserer Befragung in der Akutsomatik nahezu 80 % den Ver­sorgungs­standard in ihrem unmittelbaren Arbeits­bereich als sehr gut oder eher gut ein. Fast die Hälfte hat jedoch häufig den Eindruck, dass die Qualität der Patientenversorgung durch die hohe Arbeitsbelastung oder den Zeitdruck beeinträchtigt ist. Diese Arbeitslast kann und muss in erster Linie durch Abbau der Büro­kratie reduziert werden. Nur so werden wir die Ärztinnen und Ärzte im Beruf halten können.

“Fast die Hälfte hat jedoch häufig den Eindruck, dass die Qualität der Patienten­versorgung durch die hohe Arbeitsbelastung oder den Zeitdruck beeinträchtigt ist.”

Besorgniserregende Zahlen

Angesichts des sich zuspitzenden Fach­kräfte­mangels bereitet es mir grosse Sorge, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf an den Nagel hängen. Inzwischen denken in der Akutsomatik 14 % über eine Stelle ausserhalb des Gesundheitswesens nach; bei den Assistenzärztinnen und -ärzten sind es sogar 23 %. 11 % der akutsomatisch tätigen Spital­ärztinnen und -ärzte halten es gar für unwahrscheinlich, dass sie in den nächsten fünf Jahren noch kurativ tätig sein werden. Bei den praxisambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte sind es 19 %. Als häufigster Grund für den Ausstieg werden dabei das Pensum und die Arbeitszeiten genannt. Das sind wahrlich besorgniserregende Zahlen.

“Es bereitet mir grosse Sorge, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf an den Nagel hängen.”

Tragfähige Lösungen realisieren

Meiner Kollegin habe ich trotz all dem auf ihre Frage geantwortet, dass ich mit Herzblut und liebend gerne als Ärztin arbeite. Ich würde mich sofort wieder für den Arztberuf entscheiden. Für mich ist es ein Privileg, dass wir Menschen mit gesundheitlichen Heraus­for­derungen bis hin zu existentiellen Situationen beistehen können. Auch hier stehe ich nicht alleine da. Immerhin würden sich 74 % der akutsomatisch tätigen Spitalärztinnen und -ärzte trotz allem wieder für den Arztberuf entscheiden. Unser Beruf könnte der Schönste der Welt sein, wäre da nicht die überbordende Bürokratie während der oft sehr langen Tage. Deswegen müssen wir als Gemeinschaft der Leistungserbringer zusammen mit Politik, Krankenkassen und Industrie dringend tragfähige Lösungen zur Eindämmung der Büro­kratie realisieren. Etwas anderes können wir uns als Gesellschaft schlicht nicht mehr leisten.

Weitere Informationen zur diesjährigen repräsentativen Befragung der Ärzteschaft durch gfs.bern im Auftrag der FMH finden Sie in dieser Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung auf Seite 5 sowie unter www.fmh.ch › Themen › Stationäre Tarife › Begleitforschung.