Schlüsselempfehlungen der SGPP
Schweizer Behandlungsempfehlungen Psychedelika-Therapie
Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) hat aktuelle Behandlungsempfehlungen zur medizinischen Anwendung von Psychedelika veröffentlicht. Die wissenschaftlich fundierten Empfehlungen legen klare Kriterien für die Indikationsstellung, Durchführung und Sicherheitsvorkehrungen fest.
Rainer Krähenmann
PD Dr. med., Psychiatrische Dienste Thurgau, Spital Thurgau AG, Münsterlingen
Rosilla Bachmann-Heinzer
Dr. med., Vorstand Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), Bern
Annette Brühl
Prof. Dr. med., Klinik für Erwachsene, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel
Joe Hättenschwiler
Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Angst und Depressionsbehandlung Zürich ZADZ AG, Zürich
Gregor Hasler
Prof. Dr. med., Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit, Villars-sur-Glâne
Marcus Herdener
PD Dr. med., Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich
Uwe Herwig
Prof. Dr. med. Dr. sc. ETH, Zentrum für Psychiatrie, Reichenau
Daniela Hubl
Prof. Dr. med., Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, Bern
Dr. med. Antje Kemter
Dr. med., Psychiatrische Dienste Thurgau, Spital Thurgau AG, Münsterlingen
Felix Müller
PD Dr. med., Klinischer Forschungsbereich für substanzgestützte Therapie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel
Sebastian Olbrich
Prof. Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich
Fulvia Rota
Dr. med., Präsidentin Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), Bern
Marc Vogel
PD Dr. med., Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel
Sebastian Walther
Prof. Dr. med., Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, Bern
Erich Seifritz
Prof. Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich
Psychedelika (auch Halluzinogene genannt), sind psychoaktive Substanzen, die vorübergehende veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen und damit zu tiefgreifenden Veränderungen im Denken, den Emotionen und der Wahrnehmung führen können. Neue wissenschaftliche Studien belegen das therapeutische Potential der Psychedelika. Diese gelten mittlerweile als wichtige Behandlungsoption für verschiedene psychische Erkrankungen und werden zunehmend in psychiatrischen Institutionen und spezialisierten Praxen in der Schweiz im Rahmen des Compassionate Use therapeutisch eingesetzt. Für diese beschränkte medizinische Anwendung erteilt in der Schweiz das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seit 2014 Sonderbewilligungen auf Einzelfallbasis.
Aktuelle Problematik der Psychedelikatherapie
Allerdings ist die Psychedelikatherapie noch nicht als medikamentöses Therapieverfahren – wie etwa das Dissoziativum Esketamin (Handelsname Spravato®) – zugelassen. Zudem sind aufgrund von methodischen und zum Teil auch ethischen Mängel in bisherigen klinischen Studien vor einer allfälligen Zulassung der Psychedelika als Medikamente klinische Studien mit hoher Fallzahl und in der erforderlichen Qualität notwendig. Für die in der Schweiz aktuell klinisch eingesetzten klassischen Psychedelika wie Psilocybin und LSD (Lysergsäurediethylamid) sowie MDMA (Methylendioxymethylamphetamin) fehlen deshalb detaillierte Fachinformationen und Standards für die medizinische Anwendung weitestgehend.
Ziel der Behandlungsempfehlungen
Deshalb hat die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) zusammen mit den für den Bereich relevanten psychiatrischen Fachgesellschaften der Schweiz (Tab. 1) die vorliegenden Behandlungsempfehlungen auf Basis eines evidenzbasierten Konsens erarbeitet 1.

Die Empfehlungen legen klare Kriterien für die Indikationsstellung, Durchführung und Sicherheitsvorkehrungen fest. Sie bieten Orientierung in einem sich schnell entwickelnden klinischen Forschungsfeld und sollen künftig mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen fortlaufend aktualisiert werden. Diese Empfehlungen sind von besonderer Bedeutung, da sie erstmals einen umfassenden, wissenschaftlich fundierten Rahmen für den therapeutischen Einsatz von Substanzen wie Psilocybin, LSD und MDMA schaffen. Diese neuen Empfehlungen stellen einen bedeutenden Schritt in der Weiterentwicklung der psychiatrischen Behandlungsoptionen dar und tragen dazu bei, Psychedelika sicher und kontrolliert in die klinische Praxis zu integrieren.
Schlüsselempfehlungen im Überblick
Die Behandlungsempfehlungen sind in den Langfassungen detailliert beschrieben. Die wichtigsten Empfehlungen werden im Folgenden zusammengefasst:
- Indikationsstellung: Es müssen prinzipiell drei Kriterien kumulativ erfüllt sein: (1) Diagnose (Depressionen, Angststörungen, Alkoholabhängigeit, Posttraumatische Belastungsstörung), (2) Therapieresistenz und (3) Schweregrad (mittel- bis schwergradig).
- Screening, Vorbereitung und Informed Consent: Im Vorfeld der Psychedelikatherapie soll eine umfassende psychiatrische und medizinische Diagnostik, eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung sowie eine umfassende Information und Vorbereitung auf die Substanzsitzung(en) erfolgen. Dies beinhaltet auch das Management von den (oft überhöhten) Erwartungen der Patienten an die Therapie.
- Modulare Einbettung: Die Psychedelikatherapie besteht aus den drei Komponenten (1) Vorbereitung, (2) Substanzsitzung und (3) Nachbesprechung. Sie wird als Add-on Therapieverfahren in einen laufenden Behandlungsprozess (z. B. ambulante Psychotherapie) modular eingefügt.
- Rahmenbedingungen für die Substanzsitzung: Es sollen Massnahmen getroffen werden, um die Sicherheit während der Substanzsitzung zu gewährleisten. Dazu zählen nebst räumlicher und personeller Ausstattung auch die psychologische Begleitung und Notfallmassnahmen.
- Körperliche Berührung: Während der Substanzsitzung sollen aufgrund des erhöhten Risikos für Grenzverletzungen in der Regel berührungsfreie Methoden zur Beruhigung angewendet werden.
- Anzahl Substanzsitzungen: Im Rahmen eines ersten Zyklus von 6 Monaten Dauer sollen maximal drei Substanzsitzungen durchgeführt werden. Nach Überprüfung der Indikation kann dieser Zyklus wiederholt werden.
- Dosierungen: Psilocybin 20–30 mg p.o., LSD 75–200 mcg p.o., MDMA 75–180 mg p.o.
- Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Vorsichtsmassnahmen: siehe Tab. 2

- Interaktionen und Medikamentenumstellung: Bei relevanten Interaktionsrisiken (vor allem Antipsychotika und Benzodiazepine) soll das entsprechende Medikament mindestens 5 Halbwertszeiten vor der Substanzsitzung pausiert werden. Antidepressiva aus der Klasse der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SNRI) müssen nicht pausiert werden (Ausnahme: MDMA).
- Nachbesprechung(en): Diese finden in den Folgetagen der Substanzsitzung statt und dienen in erster Linie dazu, Nebenwirkungen oder psychische Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
- Selbsterfahrung: Auf Basis der aktuellen Evidenz ist die Forderung einer psychedelischen Selbsterfahrung von Therapeutinnen und Therapeuten nicht vertretbar.
- Qualitätssicherung: Um die Qualität der Kompetenzen der Therapeutinnen und Therapeuten sicherzustellen, soll ein vom Schweizerischen Institut für Weiter- und Fortbildung (SIWF) anerkanntes Fähigkeitsprogramm erarbeitet werden, welches einen Goldstandard für die Fortbildung in Psychedelikatherapie in der Schweiz schafft.
Langfassung der Behandlungsempfehlungen
Die SGPP hat am 19.09.2024 auf Ihrer Homepage die Langfassung der Behandlungsempfehlungen für die medizinische Behandlung von psychischen Erkrankungen mit Psychedelika in drei Sprachen (Deutsch, Französisch und Englisch) veröffentlicht.
Lesen Sie die Schweizer Empfehlungen für Psychedelikatherapie hier in deutscher Sprache: https://www.psychiatrie.ch/sgpp/fachleute-und-kommissionen/behandlungsempfehlungen
Read the Swiss recommendations for psychedelic therapy here in English: https://www.psychiatrie.ch/sgpp/fachleute-und-kommissionen/behandlungsempfehlungen
Lisez les recommandations suisses pour la thérapie psychédélique en français ici :
https://www.psychiatrie.ch/fr/sgpp/specialistes-et-commissions/recommandations-therapeutiques
Fazit
Die aktuellen Behandlungsempfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) bieten erstmals einen wissenschaftlich fundierten Rahmen für den therapeutischen Einsatz von Psychedelika wie Psilocybin, LSD und MDMA. Sie geben Psychiaterinnen und Psychiatern klare Anweisungen zur sicheren Anwendung dieser Substanzen, die besonders bei therapieresistenten psychischen Störungen an Bedeutung gewinnen. Mit diesen Richtlinien wird ein wichtiger Schritt zur standardisierten Integration von Psychedelika in die psychiatrische Praxis vollzogen, wobei sie kontinuierlich an neue Forschungserkenntnisse angepasst werden sollen.
Korrespondenz
PD Dr. med. R. Krähenmann, MHBA
Spital Thurgau AG
Psychiatrische Dienste Thurgau
Seeblickstrasse 3
CH-8596 Münsterlingen
rainer.kraehenmann@stgag.ch
Literatur
1 Krähenmann R, Brühl A, Gasser P, et al. Medizinische Behandlungen mit Psychedelika. Schweiz Ärzteztg. 2023;104(43):38-39. doi:10.4414/saez.2023.1236462644