Loading ...

Offizielles Organ der FMH

Lesedauer ca. 7 Min.

Schlüsselempfehlungen der SGPP

Schweizer Behandlungsempfehlungen Psychedelika-Therapie

Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) hat aktuelle ­Behandlungsempfehlungen zur medizinischen Anwendung von Psychedelika veröffentlicht. Die wissen­schaftlich fundierten Empfehlungen legen klare Kriterien für die Indikations­stellung, Durchführung und Sicherheitsvorkehrungen fest.

Rainer Krähenmann
PD Dr. med., Psychiatrische Dienste Thurgau, Spital Thurgau AG, Münsterlingen

Rosilla Bachmann-Heinzer
Dr. med., Vorstand Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), Bern

Annette Brühl
Prof. Dr. med., Klinik für Erwachsene, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel

Joe Hättenschwiler
Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Angst und Depressionsbehandlung Zürich ZADZ AG, Zürich

Gregor Hasler
Prof. Dr. med., Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit, Villars-sur-Glâne

Marcus Herdener
PD Dr. med., Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich

Uwe Herwig
Prof. Dr. med. Dr. sc. ETH, Zentrum für Psychiatrie, Reichenau

Daniela Hubl
Prof. Dr. med., Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, Bern

Dr. med. Antje Kemter
Dr. med., Psychiatrische Dienste Thurgau, Spital Thurgau AG, Münsterlingen

Felix Müller
PD Dr. med., Klinischer Forschungsbereich für substanzgestützte Therapie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel

Sebastian Olbrich
Prof. Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich

Fulvia Rota
Dr. med., Präsidentin Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), Bern

Marc Vogel
PD Dr. med., Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel

Sebastian Walther
Prof. Dr. med., Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, Bern

Erich Seifritz
Prof. Dr. med., Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich


Psychedelika (auch Halluzinogene genannt), sind psychoaktive Substanzen, die vorübergehende veränderte Bewusst­seinszustände hervorrufen und damit zu tiefgreifenden Veränderungen im Denken, den Emotionen und der Wahr­nehmung führen können. Neue wissenschaftliche Studien belegen das therapeutische Potential der Psychedelika. Diese gelten mittlerweile als wichtige Behandlungsoption für verschiedene psychische Erkrankungen und werden zunehmend in psychiatrischen Insti­tutionen und spezialisierten Praxen in der Schweiz im Rahmen des Com­passionate Use therapeutisch eingesetzt. Für diese beschränkte medizinische Anwendung erteilt in der Schweiz das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seit 2014 Sonderbewilligungen auf Einzel­fallbasis.

Aktuelle Problematik der Psychedelikatherapie

Allerdings ist die Psychedelikatherapie noch nicht als medikamentöses Therapieverfahren – wie etwa das Dis­soziativum Esketamin (Handelsname Spravato®) – zugelassen. Zudem sind aufgrund von methodischen und zum Teil auch ethischen Mängel in bisherigen klinischen Studien vor einer allfälligen Zulassung der Psychedelika als Medi­kamente klinische Studien mit hoher Fallzahl und in der erforderlichen Qualität notwendig. Für die in der Schweiz aktuell klinisch eingesetzten klassischen Psychedelika wie Psilocybin und LSD (Lysergsäurediethylamid) sowie MDMA (Methy­lendioxy­methy­lamphetamin) fehlen deshalb detaillierte Fachinformationen und Standards für die medizinische Anwendung weitestgehend.

Ziel der Behandlungsempfehlungen

Deshalb hat die Schweizerische Ge­sellschaft für Psychiatrie und Psycho­therapie (SGPP) zusammen mit den für den Bereich relevanten psychiatrischen Fachgesellschaften der Schweiz (Tab. 1) die vorliegenden Behandlungs­em­pfehlungen auf Basis eines evidenzbasierten Konsens erarbeitet 1.

Tabelle 1: Assoziierte psychiatrische Fachgesellschaften des Schweizer Expertengremiums Psychedelikatherapie

Die Empfehlungen legen klare Kriterien für die Indikationsstellung, Durchführung und Sicherheitsvorkehrungen fest. Sie bieten Orientierung in einem sich schnell entwickelnden klinischen Forschungsfeld und sollen künftig mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen fortlaufend aktualisiert werden. Diese Empfehlungen sind von besonderer Bedeutung, da sie erstmals einen umfassenden, wissenschaftlich fundierten Rahmen für den therapeutischen Einsatz von Substanzen wie Psilocybin, LSD und MDMA schaffen. Diese neuen Empfehlungen stellen einen bedeutenden Schritt in der Weiterentwicklung der psychiatrischen Behandlungsoptionen dar und tragen dazu bei, Psychedelika sicher und kontrolliert in die klinische Praxis zu integrieren.

Schlüsselempfehlungen im Überblick

Die Behandlungsempfehlungen sind in den Langfassungen detailliert beschrieben. Die wichtigsten Empfehlungen  werden im Folgenden zusammengefasst:

  • Indikationsstellung: Es müssen prinzipiell drei Kriterien kumulativ erfüllt sein: (1) Diagnose (Depres­sionen, Angststörungen, Alkoholab­hängigeit, Posttraumatische Belastungsstörung), (2) Therapie­resistenz und (3) Schweregrad (mittel- bis schwergradig).
  • Screening, Vorbereitung und Informed Consent: Im Vorfeld der Psychedelikatherapie soll eine umfassende psychiatrische und medizinische Diagnostik, eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung sowie eine umfassende Information und Vorbereitung auf die Substanz­sitzung(en) erfolgen. Dies beinhaltet auch das Management von den (oft überhöhten) Erwartungen der Patienten an die Therapie.
  • Modulare Einbettung: Die Psychedelikatherapie besteht aus den drei Komponenten (1) Vorbereitung, (2) Substanzsitzung und (3) Nach­besprechung. Sie wird als Add-on Therapieverfahren in einen laufenden Behandlungsprozess (z. B. ambulante Psychotherapie) modular eingefügt.
  • Rahmenbedingungen für die Substanzsitzung: Es sollen Massnahmen getroffen werden, um die Sicherheit während der Sub­stanz­sitzung zu gewährleisten. Dazu zählen nebst räumlicher und personeller Ausstattung auch die psychologische Begleitung und Notfall­mass­nahmen.
  • Körperliche Berührung: Während der Substanzsitzung sollen aufgrund des erhöhten Risikos für Grenzver­letzungen in der Regel berührungsfreie Methoden zur Beruhigung angewendet werden.
  • Anzahl Substanzsitzungen: Im Rahmen eines ersten Zyklus von 6 Monaten Dauer sollen maximal drei Substanzsitzungen durchgeführt werden. Nach Überprüfung der Indikation kann dieser Zyklus wiederholt werden.
  • Dosierungen: Psilocybin 20–30 mg p.o., LSD 75–200 mcg p.o., MDMA 75–180 mg p.o.
  • Nebenwirkungen, Kontrain­dika­tionen und Vorsichtsmassnahmen: siehe Tab. 2

 

Tabelle 2: Wichtigste Nebenwirkungen, Kontraindikationen und entsprechende Vorsichtsmassnahmen von Psilocybin, LSD und MDMA

 

  • Interaktionen und Medika­men­ten­umstellung: Bei relevanten Interaktionsrisiken (vor allem Antipsychotika und ­Benzo­dia­ze­pine) soll das entsprechende Medikament mindestens 5 Halbwertszeiten vor der Substanzsitzung pausiert werden. Antidepressiva aus der Klasse der Selektiven Serotonin-Wieder­auf­nahme-Hemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wieder­auf­nahme-Inhibitoren (SNRI) müssen nicht pausiert werden (Ausnahme: MDMA).
  • Nachbesprechung(en): Diese finden in den Folgetagen der Substanz­sitzung statt und dienen in erster Linie dazu, Nebenwirkungen oder psychische Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. 
  • Selbsterfahrung: Auf Basis der aktuellen Evidenz ist die Forderung einer psychedelischen Selbsterfahrung von Therapeutinnen und Thera­peu­ten nicht vertretbar.
  • Qualitätssicherung: Um die Quali­tät der Kompetenzen der Thera­peutinnen und Therapeuten sicherzustellen, soll ein vom Schweizerischen Institut für Weiter- und Fortbildung (SIWF) anerkanntes Fähigkeits­prog­ramm erarbeitet werden, welches einen Goldstandard für die Fort­bil­dung in Psychedelikatherapie in der Schweiz schafft.

Langfassung der Behandlungs­empfehlungen

Die SGPP hat am 19.09.2024 auf Ihrer Homepage die Langfassung der Behandlungsempfehlungen für die medizinische Behandlung von psychischen Erkrankungen mit Psychedelika in drei Sprachen (Deutsch, Französisch und Englisch) veröffentlicht.

Lesen Sie die Schweizer Empfehlungen für Psychedelika­therapie hier in deutscher Sprache: https://www.psychiatrie.ch/sgpp/fachleute-und-kommissionen/­behandlungsempfehlungen

Read the Swiss recommendations for psychedelic therapy here in English: https://www.psychiatrie.ch/sgpp/fachleute-und-kommissionen/behandlungsempfehlungen

Lisez les recommandations suisses pour la thérapie psychédélique en français ici : ­   
https://www.psychiatrie.ch/fr/sgpp/specialistes-et-commissions/recommandations-therapeutiques

Fazit

Die aktuellen Behandlungs­empfeh­lungen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) bieten erstmals einen wissenschaftlich fundierten Rahmen für den therapeutischen Einsatz von Psychedelika wie Psilocybin, LSD und MDMA. Sie geben Psychiaterinnen und Psychiatern klare Anweisungen zur sicheren An­wen­dung dieser Substanzen, die besonders bei therapieresistenten psychischen Störungen an Bedeutung gewinnen. Mit diesen Richtlinien wird ein wichtiger Schritt zur standardisierten Integration von Psychedelika in die psychiatrische Praxis vollzogen, wobei sie kontinuierlich an neue Forschungserkenntnisse angepasst werden sollen.


Korrespondenz
PD Dr. med. R. Krähenmann, MHBA  
Spital Thurgau AG  
Psychiatrische Dienste Thurgau  
Seeblickstrasse 3  
CH-8596 Münsterlingen  
rainer.kraehenmann@stgag.ch

Literatur
1 Krähenmann R, Brühl A, Gasser P, et al. Medizinische Behandlungen mit Psychedelika. Schweiz Ärzteztg. 2023;104(43):38-39. doi:10.4414/saez.2023.1236462644